nlp.at - der oesterreichische nlp-server Konstruktivismus Konstruktivismus Sammelbegriff für verschiedene Ansätze in unterschiedlichen Disziplinen.

(A) Konstruktivistische Ansätze teilen - mit abgestufter Intensität - u.a. folgende Ideen (vgl. Fischer 1995, 28):

(1) eine Abgrenzung gegen die naive realistische Position, es gäbe so etwas wie eine subjektunabhängige Wirklichkeit: "Die angenommene Objektivität der Außenwelt ist eine Illusion" (Bateson 1994 (1992), 42).

(2) eine Kritik der Abbildtheorie des Bewußtseins, die auf der Vorstellung einer "objektiven Realität" basiert. Etwas "Äußerliches" wahrzunehmen ist kein einfaches oder direktes "innerliches" Abbilden - so wie eine Kamera ("innerlich") ein Bild von einer Landschaft "außen" macht. (vgl. Bandler und Grinder 1994a (1975), 37 mit Verweis auf Vaihinger und Korzybski).

(3) die Betonung von Wahrnehmungs-Filtern beim Akt des Wahrnehmens. Im Konstruktivismus wird betont, daß wir die "Welt" nicht direkt (die gängige "sinnesphysiologische Perspektive"), sondern mit inneren Filtern (Brillen, Sortiermechanismen) wahrnehmen, die beim Wahrnehmen innerlich (automatisch) mitkonstruiert werden. (vgl. Bandler und Grinder 1994a (1975), 28ff.). Wahrnehmen ist "keine bloße Widerspiegelung externer Ereignisse, sondern ein selektiver und kreativ ablaufender Prozeß, in dem frühere Erfahrung, Emotionen und Erwartungen in starkem Maße eingehen" (Roth 1990c, 249).

(4) die Betonung der Subjektivität von Erfahrungen: "alle Erfahrung ist subjektiv" (Bateson 1994 (1992), 42).

(5) den Verzicht auf einen Wahrheits-Begriff für menschliches Erkennen. Theoretische Begriffe, Aussagen, Modelle werden nicht als Entdeckungen, sondern als kreative Erfindungen verstanden. Es geht um "nützliche", nicht um "wahre" Modelle (Bandler und Grinder 1994c (1979), 23).

(6) eine Umdeutung von Wissenschaft und wissenschaftlichem Arbeiten. Wissenschaft definiert sich nicht im Verweis auf "wahre Fakten" oder "objektive" Methoden, sondern durch andere Kriterien, wie: ihre innere Kohärenz, ihre pragmatische Brauchbarkeit für vorgegebene Ziele, ihrer Kommunizierbarkeit oder ihre Teilnahme an den Sprachspielen einer sozialen Gruppe.

(7) die Betonung der Wichtigkeit von "Konstrukten" für das Handeln. Ideen, Bilder, Deutungen, Beliefs, Vorstellungen, Reflexionen,.. , die Menschen individuell und kollektiv repräsentieren, sind in hohem Maße handlungsrelevant. Sie legen die "Welten" fest, in denen sich Menschen befinden. Verhalten ist nicht nur eine Reaktion auf "äußere Umstände", sondern hängt auch von "inneren" Modellen ab, z.B. von den Modellen, die Menschen sich über ihre eigene Identität machen.

(8) Die "Innen-Welten" und "Außen-Welten" von Individuen sind begrifflich zu trennen, aber die Grenzziehung ist plastisch, veränderbar und nicht eindeutig definiert.

(B) Es gibt viele Ansätze, die als als konstruktivistische Ansätze bezeichnet werden können. Beispiele sind die Philosophien von Kuhn, Feyerabend und Rorty, die Erkenntnistheorie von Spencer Brown (1969), die Theorie autopoietischer Systeme von Manturana und Varela, die Theorie sozialer Systeme von Luhmann, die Theorie persönlicher Konstrukte von Kelley (1986 (1955), der radikale Konstruktivismus von Glasersfeld und von Foerster (Schmidt 1990, 1991 und 1992; Roth 1990a, b und c, und 1991 und Glasersfeld 1997), die kognitionswissenschaftliche Variante von Varela und Thompson (1992 (1991)), der soziale Konstruktionismus von Gergen (1996 (1991)) und andere postmoderne Ansätze, wie Lyotard, Derrida, Foucault oder Welsch.

Gedanken dieser Autoren werden im therapeutischen Bereich heute oft unter den Bezeichnungen "Kybernetik zweiter Ordnung", "narrative Ansätze" oder "systemische Ansätze" diskutiert.

Literatur dazu: Palazzoli u.a. 1981 (1975), Minuchin 1981, Stierlin und Schmidt 1987, Simon 1990 und 1993 (1988), Ludewig 1992, Stierlin 1994, Boscolo und Bertrando 1994 und Schöppe 1995. Überblicke finden sich in Kriz 1994; Kolbeck und Nicolai 1996 und Schlippe und Schweitzer 1996.

(C) Der Zusammenhang all dieser Autoren und ihrer Gedanken mit der Theorie und Praxis des NLP ist umstritten. Mein eigenes Verständnis (W.Ö.) von NLP ist, daß NLP in seiner Praxis ein konstruktivistischer und postmoderner Ansatz ist, dessen theoretischen Grundlagen noch unerforscht sind.

Viele Verfahren und Ideen des NLP, wie der Belief-Gedanke, die Idee von Wahrnehmungs-Filtern und die Verfahren des Reframings, weisen in meinem Verständnis auf eine konstruktivistische "Welt-Sicht" hin. NLP hat sich aus verschiedenen, durchaus widersprüchlichen Traditionen entwickelt. Es basiert teilweise auf der Computer-Metapher des Geistes und auf einer mechanistischen Sichtweise der Welt. Im Gegensatz (und in Kritik dazu) schlage ich vor, die konstruktivistischen Aspekte des NLP zu betonen und eine explizit konstruktivistische Interpretation von NLP zu entwickeln, wo Bewußtsein als primäres und eigenständiges Phänomen betrachtet wird.

Dies würde auch bedeuten, u.a. folgende "Wurzeln" des NLP vermehrt zu betonen: die Theorie des "als ob" von Vaihinger, die Theorie des Neurolinguistischen Trainings von Korzybski (Jochims 1995 und 1996, Meta-Modell), Theorien der Palo-Alto-Gruppe ("Mental Research Institute", u.a. Jackson, Satir, Haley, Weakland und Watzlawick) und insbesondere die Arbeiten von Gregory Bateson ( Bateson-Kategorien).

Literatur zur Palo-Alto-Gruppe: Watzlawick 1984, 1991a (1981) und 1991b, Watzlawick u.a. 1984 (1971). Als Überblick vgl. Kriz 1994 und Schlippe und Schweitzer 1996.

Einige Aspekte dieser Interpretation werden auch bei den Stichworten Auswahl-Prozeß des Bewußtseins, Fokus der Aufmerksamkeit, Kulturelles NLP, Vergangenheit, Wahrnehmungsfilter und Zeit angesprochen.


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